Neue
dänische Geschichte(n)
Dänemark entdeckt seine Weltkriegsvergangenheit neu" titelte
vor kurzem die NZZ. Anlass für den Artikel von Marc-Christoph Wagner vom 23.
11. 2001 bildet eine Debatte, die in den letzten Jahren begann und zunehmend an
Breite und Schärfe gewinnt. Es geht um die Aufarbeitung der Zeit zwischen dem
9. April 1940, der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen, und der "Befreiung"
im Mai 1945 mit dem Umbruch im August 1943, als das Land in den militärischen
Ausnahmezustand versetzt und die Macht vom deutschen Polizeiapparat übernommen
wurde: um die Differenzierung des unschuldig-heroischen Schwarzweissbildes,
genauer gesagt, das 'die Dänen' noch immer von jener Zeit haben. Um neue Fragen
an die Vergangenheit und um den Abbau liebgewordener nationaler Mythen.
Beschleunigt wurde der Prozess im letzten Jahr durch brisante Bücher,
die sehr viel öffentliche Resonanz fanden. Zwei untersuchen die "stikkerdrab",
die "Liquidierung" von Kollaborateuren und Verrätern durch die dänische
Widerstandsbewegung (Stefan Emkjær: "Stikkerdrab", Aschehoug 2000;
Peter Øvig Knudsen: "Efter drabet / Nach dem Mord", Gyldendal 2001),
und Christian Jensen, Tomas Kristiansen und Karl Erik Nielsen beleuchten die
wirtschaftliche Verstrickung Dänemarks, die eigentlich als wirtschaftliche
Zusammenarbeit mit Nazideutschland bezeichnet werden kann ("Krigens købmænd
/ Kaufleute des Krieges", Gyldendal 2000). Dazu kommen eine Reihe von
Publikationen, die Lebensgeschichten erzählen – zuletzt etwa Jørgen Kielers,
des Widerstandskämpfers, minutiöse zweibändige Autobiografie "Hvorfor
gjorde I det? / Warum habt ihr das getan?" (Gyldendal 2001) – und dabei
gelegentlich auch über bisher vernachlässigte oder tabuisierte Themen
schreiben. Über die "tyskertøser" zum Beispiel, die weiblichen
"Feldmatratzen" deutscher Besatzungssoldaten, oder über die Frage,
wie Kinder jene Zeit erlebt und überlebt haben. Nicht nur die Kinder der "Deutschenliebchen",
wie sie in Arne Ølands Buch "Horeunger
og helligdage / Hurenkinder und Feiertage" (Det Schønbergske Forlag
2001) zu Worte kommen, sondern auch deutsche Flüchtlingskinder (Kirsten
Lylloffs Artikel in der Zeitschrift "historisk tidning" und in der
Tageszeitung "Politiken"), das Kind einer dänischen Nazigrösse
(Claus Bryld: "Hvilken befrielse? /Welche Befreiung?", Gyldendal 1995)
oder Kinder von Widerstandskämpfern ("Fra tavshed til tale / Vom Schweigen
zum Sprechen", Forum 2001). Sie wuchsen oft in einer Atmosphäre von
Stillschweigen, Schande und Scham auf, selbst wenn sie nicht direkten
Repressionen und Diskriminierungen ausgesetzt waren.
Diese Texte wurden nicht von gestandenen Historikern verfasst, sondern
von Journalisten, Zeitzeugen oder jüngeren Geschichtswissenschaftlern (wie
Stefan Emkjær). "Sehr lange Zeit war die Geschichtsschreibung in Dänemark
vor allem eine Geschichte der politischen Vorgänge", sagt Anette Warring,
Lektorin am Roskilde Universitetscenter RUC: "und es ging dabei vor allem
um ein positivistisches Sammeln und Ordnen von verallgemeinerbaren Fakten. Um
Kategorienbildung und das Herausarbeiten der grossen Linien. Erst die neuere
Forschung stellt andere Fragen, legt andere Schnitte durch die Materialberge und
bezieht dabei auch neuere Methoden ein." Ausserdem ging 1989 mit dem Fall
der Mauer auch "den allierede fortælling" zu Ende, wie sie sagt, die
Zeit also, in der Politik und Zeitgeschichte vor dem Hintergrund des
Ost-West-Konfliktes gelesen wurden, wobei Dänemark recht fraglos auf die Seite
der Alliierten zu liegen kam. Jetzt werden die kollektiven Mythen befragt, auch
nach ihrer Funktionalität, oral history-Methoden werden angewandt und mit neuen
Kategorien – gender-Fragen etwa – wird die politisch und oft auch
moralisierend argumentierende Rückschau aufgebrochen.
Kinder
der Schande
Mindestens
zwanzigtausend Kinder haben deutsche Wehrmachtsangehörige in Dänemark und in
Norwegen gezeugt. Einige von ihnen waren auch nach Ende des Krieges noch
grausamen Repressionen ausgesetzt, die meisten litten 'nur' unter Schande und
Scham, vielen wurde die Herkunft verschwiegen und bis in die 80er-Jahre hinein
war ihnen der Zugang zu ihren Akten verwehrt. Seit ein paar Jahren haben sich
einige von ihnen organisiert und kämpfen gemeinsam um ihre Geschichte und um
ihr Recht, in Norwegen auch vor Gericht.
Arne merkte am ersten Schultag, dass mit
seinem Familiennamen offenbar etwas nicht stimmte: der Lehrer hatte aus dem
Klassenbuch nicht den Namen des Mannes seiner Mutter vorgelesen, sondern den Mädchennamen
der Mutter. "Mir wurde klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Aber ich
fragte meine Mutter nicht. Ich wusste, dass ich dazu meinen Mund halten sollte.
Als Kind spürt man es, wenn man nicht anfangen soll, in Dingen herumzukramen,
über die niemals gesprochen wird", sagt er heute. Nur einmal hat er seine
Mutter direkt gefragt, wer denn sein richtiger Vater sei; sie fuhren auf dem
Velo von einem Besuch bei der Grossmutter nach Hause, erinnert er sich, und
"sie wurde unglaublich wütend. Warum zum Teufel ich das aufrühren müsse!
Das ginge mich gar nichts an!"
Arne Oland ist "tyskerbarn", ein 'Deutschenkind',
geboren im November 1945. Erst mit 48 Jahren erfuhr er durch einen Zufall, dass
sein Vater ein Besatzungssoldat war; es war an einem Vettern-Kusinen-Treffen. Er
stellte seine alte Mutter zur Rede und sie gab zu, dass sein Vater
Wehrmachtsangehöriger gewesen sei, ein Jugoslawe, der als Zwangsverpflichteter
nach Dänemark versetzt worden war; sie habe ihn in der Jægersborg Kaserne
kennengelernt, wo sie in der Küche arbeitete, und hätte versucht, das Kind
(Arne also) abzutreiben, es aber nicht geschafft, und nach dem Krieg sei sie als
"tyskertøs", als 'Deutschendirne' acht Monate lang im Gefängnis
gewesen. Es ist ein Lebenslauf, nicht unüblich für jene Zeit, und auch Arne Øland
ist nicht allein mit seiner Biografie. Er selbst schätzt die Zahl der 'Deutschenkinder'
in Dänemark auf mindestens 12'000.
In seinem Buch "Horeunger og helligdage /
Hurenkinder und Feiertage", das letzten Herbst in Dänemark herauskam (Det
Schönbergske Forlag 2001), erzählt er seine Geschichte und die von zwölf
anderen 'Deutschenkindern'. Alle Interviewten erzählen vom quälenden Gefühl,
nicht zu wissen, wer man wirklich ist, erzählen von der Schande und Scham, die
ihr Leben noch immer überschatten, und vom starren Schweigen, das ihnen
begegnete, sobald sie an ihre Wurzeln rührten, auch und gerade von Seiten der
eigenen Mutter. Und einige erzählen auch von Repressionen. Einer hörte als
Kind, wie Nachbarn sagten, man würde ihn am besten im Fjord versenken, weil
"er nichts sei, was aufgehoben werden sollte"; einer wurde vom Lehrer
systematisch geplagt und übergangen und hatte keine Chance, wirklich etwas zu
lernen, ein dritter wurde von Erwachsenen immer wieder "Nazischwein"
genannt und einmal hat der Hausbesitzer ihn im Treppenhaus festgebunden und
einen Scheisseimer über ihm ausgeleert. Manche wuchsen bei den Grosseltern auf,
und viele versuchten später vergebens, ihren Vater zu identifizieren, ihn oder
seine Verwandten noch zu finden, kennenzulernen, und stiessen dabei nicht nur
auf das Schweigen der jeweiligen Familie, sondern auch auf Behörden, die sie
abwimmelten und ihnen die Einsicht in ihre Akten verwehrten.
Zwar gab es in Dänemark seit 1938 ein Gesetz,
das unehelichen Kindern denselben Status wie ehelichen zugestand, doch es wurde
mit Rücksicht auf die Nazis ausgesetzt. Eine bilaterale Kommission unter
deutschem Vorsitz hat während des Krieges versucht, die Väter der (ihnen
bekannten) Kinder von dänischen Müttern ausfindig zu machen und dazu zu
bewegen, die Vaterschaft anzuerkennen: Deutschland war nämlich durchaus stolz
auf den 'arischen' Nachwuchs, den Wehrmachtsangehörige in Skandinavien zeugten,
sie bezahlten sogar Unterhaltsvorschüsse, doch zogen viele dänische Mütter es
vor, sich bei der Kommission gar nicht erst zu melden, und versteckten oder
verschwiegen ihre "Kinder der Schande". Und nach dem Krieg hatte der dänische
Staat dann kein Interesse mehr daran, dänisch-deutsche Familienzusammenführungen
zu ermöglichen; die Namen der deutschen Väter in den offiziellen Akten wurden
eliminiert und diese in Archiven versenkt.
Die dänischen Politiker meinten wohl, damit
das Problem zu entschärfen; und die Frauen hofften, durch ihr Versteckspiel dem
Verdacht auf Landesverrat, Stigmatisierung und Repression entgehen zu können,
der sie als "Feldmatratzen" deutscher Soldaten traf. "Tyskertøser",
'Deutschendirnen' galten in dem besetzten Land ja als Überläuferinnen, ihr
privates (Liebes)Verhältnis zu einem Deutschen als Fraternisierung, als "horizontale
Kollaboration" (Theweleit), "als nationale, sexuelle und geschlechtsmässige
Provokation", wie die Historikerin Anette Warring in ihrer Untersuchung
"Tyskertøser" (Gyldendal 1994 u.ö.) schreibt: "Das intime Verhältnis
dänischer Frauen zu Wehrmachtsangehörigen galt nicht nur als antinationale
Handlung, sondern gleichzeitig als Angriff auf die für Frauen geltenden
Geschlechternormen", und die öffentliche Reaktion darauf war "eine
Mischung aus Verärgerung über die sexuelle Freizügigkeit der Frauen, Wut über
ihr unpatriotisches Verhalten und auch Kränkung darüber, dass sie dänische Männer
verschmähten und ihnen deutsche Soldaten vorzogen". Es wurden ihnen
niedrige Beweggründe, Profitsucht etwa, unterstellt, pauschal wurden sie als
"dumm, hässlich und leichtsinnig" charakterisiert und als politisch
naiv, als 'zweite Wahl' sozusagen, sogar in offiziellen Untersuchungen (z.B. der
Ärztin Grethe Hartmann 1943-45), und nach dem Krieg wurden viele von ihnen von
erbosten Mitbürgern gejagt, öffentlich nackt ausgezogen, an den Pranger
gestellt, geschoren und/oder vom Staat interniert, angeblich, damit sie ihre
Geschlechtskrankheiten nicht weiter übertragen konnten – ein
Selbstjustiz-Vorgang, den Klaus Theweleit als brachiale Möglichkeit der "Gerechtigkeitsherstellung
in der Psyche geschlagener Nationen" beschreibt und als Versuch der "Reinigung
vom Vorwurf ungenügenden eigenen Widerstands während der Besatzungszeit"
(nachzulesen ist das in seinem Vorwort zu Ebba D. Drolshagens Buch "Nicht
ungeschoren davonkommen", Hoffmann & Campe 1998, in dem er den "nationalen
Körper" der Frau thematisiert und seine Funktionalisierung in Kriegs- oder
Umbruchzeiten).
Weil viele Mütter ihr Verhältnis zu
Deutschen zu verbergen suchten, wuchsen manche der offiziell 6-8'000 dänischen
(und offiziell gut 8'600 norwegischen) 'Deutschenkinder' in Ungewissheit ihrer
biologischen Herkunft auf und in wechselnden Familienzusammenhängen. Die
Schauspielerin Lotte Tarp hat es stellvertretend beschrieben in ihrem
autobiografischen Buch "Det sku' nødig hedde sig / So etwas soll bloss
nicht gesagt werden" (Lindhardt & Ringhof 1997, u.ö.): sie hielt ihre
Mutter Åse lange Zeit für die ältere Schwester. Åse hatte ihr 1945 geborenes
Kind in ein Kinderheim gesteckt, wo die Pfleger es vernachlässigten und beinahe
umkommen liessen; eine Tante holte es heraus und brachte es zu den Grosseltern.
Bei ihnen in Jütland wuchs die kleine Lotte auf, trug ihren Namen, nannte sie
Vater und Mutter und verstand nicht, warum die Kinder in der Schule sie plagten
und schnitten und ihr 'Deutschenkind' nachriefen. Aber manchmal kam die schöne
Åse zu Besuch, sie lebte jetzt in Kopenhagen und arbeitete beim Film, das waren
Festtage, und schliesslich holte sie die "kleine Schwester" sogar zu
sich und zu ihrem reichen neuen Mann in die Grosstadt, doch der neue Vater
brachte die Ziehtochter bald in einem Pensionat unter. Eine unruhige,
verunsichernde, wenn auch nicht ganz lieblose Kindheit und Jugend hat Lotte Tarp
also erlebt, es ist zurückblickend, wie sie schreibt, ein Gefühl, "als ob
ich ein Ding gewesen wäre oder ein Möbelstück, das man falsch eingekauft hat
und für das man nie den richtigen Platz gefunden hat, bis man es schliesslich
auf den Müll geworfen hat", und erst spät, durch Zufall und auf Umwegen
fand sie heraus, wer ihre wirklichen Eltern waren. Sie machte sich auf die Suche
nach dem deutschen Vater und traf in Eberswalde schliesslich zwar nicht mehr auf
ihn selbst, aber doch auf seine "ungewöhnlich gewöhnliche Familie".