Leila, das Deutschenkind

Das Schicksal eines Lebensborn-Mädchens in Norwegen: „Ich war nur Abschaum“
Sie wurde als Feindin behandelt, ihre Mutter verstieß sie, ihren Vater hat sie nie gesehen–in einem Prozess in Oslo geht es um ein dunkles Kapitel


Von Gerhard Fischer

Trysil, im September – Als Leila klein war, lebte sie im Heim. Leila und die anderen Kinder mussten Brei essen, viel mehr, als sie vertrugen. Sie mussten sich übergeben. Das Gebrochene wurde gesammelt und den Kindern erneut zum Essen vorgesetzt. Die Heimleiterin, eine Norwegerin, wurde später zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Aber viele, die Leila schikanierten, wurden nicht bestraft – weder Lehrer noch Nachbarn noch die eigene Mutter.

Leila Strinaes ist ein so genanntes Tyskerbarn, ein Deutschenkind. Zwischen 1940 und 1945 waren fast 400 000 Wehrmachts-Soldaten in Norwegen stationiert. Viele wurden Vater, indem sie mit norwegischen Frauen Kinder zeugten. „Es gibt etwa 12000 Kinder aus solchen Beziehungen“, sagt Kare Olsen, der ein Buch über die Tyskerbarn geschrieben hat, das in diesen Tagen auch in Deutschland erscheint. 8000 sind registriert – und es gibt fast ebenso viele Geschichten von Misshandlungen. Etliche dieser Kinder wurden vergewaltigt. Kurz nach dem Krieg sagte ein Arzt in einem Kinderheim: „Die Hoffnung, dass aus Deutschenkindern normale Menschen werden, ist so groß wie die Möglichkeit, dass die Ratten im Keller Haustiere werden.“ Viele Tyskerbarn haben Selbstmord begangen.

Leila Strinaes lebt heute in Trysil, knapp 200 Kilometer nördlich von Oslo. Das ist ein wunderschöner Wintersportort in den norwegischen Bergen. Die Stadt hat 7000 Einwohner, viele wissen von der Geschichte der Leila Strinaes. Als ihre Tante, bei der sie fast 50 Jahre lebte, 1995 gestorben war, bekam sie einen Anruf von einem Nachbarn. „Na, du wirst ja bald umziehen“, sagte der Nachbar. „Warum denn?“, wollte sie wissen. „Du hast hier nichts mehr zu suchen, du weißt doch selbst, von welchem Schlag du bist“, sagte der Mann. „Es hört nie auf“, sagt Leila Strinaes.

Freiwillige Beziehungen

Sie wirkt tough. Sie raucht selbst gedrehte Zigaretten. Sie lacht viel und laut; so laut, dass es bei den Nachbarn noch zu hören ist. Aber Leila Strinaes muss mit einer Krücke gehen, sie hat acht Hüftoperationen hinter sich. „Es könnten weniger sein“, sagt sie. „Man hat mich schlampig behandelt – Tyskerbarn sind eben nichts wert.“ Sie vermutet, dass das Hüftleiden, das sie schon ihr Leben lang begleitet, auf Misshandlungen in ihrer Kindheit zurückzuführen ist. Doch die ärztlichen Aufzeichnungen von damals sind verschwunden.

Leila Strinaes ist am 30. Dezember 1943 in einem Lebensborn-Heim in Kristiansand im Süden Norwegens geboren. Lebensborn, ein Projekt der SS, war bereits 1935 in München gegründet worden. Es war eine Hilfsorganisation für junge Frauen, aber nur für jene, die einen Arier-Nachweis vorlegen konnten. 1940 besetzte die Wehrmacht Norwegen, und 1941 wurde die Lebensborn-Organisa tion dann dort etabliert, bei einem Treffen von SS-Reichsführer Heinrich Himmler mit dem Reichskommissar in Norwegen, Josef Terboven, und dem Leiter von Lebensborn München, Max Sollmann. Norwegen, meinten sie, sei ein Paradies für Lebensborn – schließlich galten die norwegischen Frauen als typisch germanisch: groß, kräftig, blond.

Lebensborn errichtete zehn Heime, und die SS begrüßte die Beziehungen von deutschen Männern mit norwegischen Frauen. „Allerdings gab es keine Zuchtanstalten für rassisch reine Menschen in Norwegen – das war eine Propaganda der West-Alliierten“, sagt der Historiker Lars Borgersrud, „Lebensborn war keine Bordell-Institution für Germanen“. Die Beziehungen waren freiwillig. Aber sie entstanden zwangsläufig, denn die Einheiten der Wehrmacht waren mitten in kleinen Dörfern stationiert. „Etwa zehn Prozent der norwegischen Frauen hatten Beziehungen zu deutschen Männern“, sagt Borgersrud.

Er ist Mitglied einer Forschergruppe, die im Auftrag der norwegischen Regierung das Schicksal der Tyskerbarn untersuchen soll. Sechs Millionen norwegische Kronen (etwa 820000 Euro) wurden dafür bereitgestellt. Viele Politiker, so Borgersrud, benutzen dieses Projekt als Alibi. Man könne nichts für die Tyskerbarn unternehmen, sagen sie, man müsse erst die Forschungsergebnisse abwarten. Aber das dauert noch ein paar Jahre. Man sieht Borgersrud an, dass er darüber nicht glücklich ist.

LeilaStrinaes Vater, der Wehrmachtssoldat Gerhard M., war in Kristiansand stationiert. Vor dem Krieg war er Bäcker gewesen. Er war in Deutschland verheiratet und Vater von fünf Kindern. Auch Leilas Mutter hatte bereits eine Familie. Als Leila geboren wurde, wollten beide, die norwegische Mutter und der deutsche Soldat, nichts von dem Mädchen wissen. Zwei Jahre lebte sie in einem Heim, das zunächst unter deutscher, nach dem Krieg unter norwegischer Leitung stand. 1946 wurde die Tante informiert. Sie fragte die Mutter: „Hast du ein Kind im Kinderheim?“ Die Mutter antwortete: „Nein.“ Die Tante war entsetzt und holte Leila zu sich.

Von all dem wusste Leila Strinaes zunächst nichts. Als sie acht Jahre alt war, ging sie mit einer Freundin spielen. Sie verletzte sich am Bein. Da sagte die Freundin: „Geh heim! Aber du hast ja keine Eltern, du bist ein Tyskerbarn!“ Leila weinte und rannte nach Hause. „Da erfuhr ich es: Meine Tante, die ich für meine Mutter hielt, bestätigte es. Sie drehte sich um und schloss die Tür hinter sich. Alles wäre nicht so schlimm gewesen, wenn sie mich in den Arm genommen und gesagt hätte: Das bedeutet doch nichts.“ Das junge Mädchen wollte nicht mehr leben. „Ich holte eine Axt und ging in den Wald.“ Doch plötzlich eilten die Tante und die Cousine herbei. Die Tante war nun sehr nett. „Aber ich wurde trotzig und sagte: Wenn das nicht meine richtigen Eltern sind, muss ich auch nicht gehorchen.“

Wenn sie den Boden putzen sollte, putzte sie die Decke. Dass sie ein Tyskerbarn war, sprach sich in der Schule herum. Ständig sei sie von Mitschülern geschlagen und bespuckt worden, sagt sie. „Und die Lehrer haben mir nicht geholfen.“ Kein einziger? „Keiner. Manchmal wurde ich so schikaniert, dass ich glaubte, ich und Hitler hätten den Krieg begonnen und wir beide hätten die ganze Schuld dafür. Ich war nur Abschaum.“

Nie hat sie gesagt: Was kann ich denn dafür? Nie hat sie sich gewehrt. Warum nicht? Leila Strinaes überlegt. Sie lächelt nicht wie sonst. Und wenn sie nicht lächelt, sieht man die Furcht in den Augen und die Bitterkeit in den Winkeln des Mundes. Es ist so wie bei vielen Menschen, die sich nicht wehren: Sie haben Angst, dass es noch schlimmer wird, wenn sie aufbegehren. Der Gegner ist stärker. Deshalb halten sie still. „Ich hatte auch Angst, nach Deutschland geschickt zu werden“, sagt sie.

Kurz nach dem Krieg war diese Furcht nicht unbegründet. Zum Beispiel wurden die norwegischen Frauen, die ihre deutschen Männer heirateten, mit den Soldaten in Lager gesperrt. Gleichzeitig wurde ihnen die norwegische Staatsbürgerschaft aberkannt.

Viele wurden nach Deutschland geschickt, wo sie auf Hunger und Elend trafen und mit Männern zusammenlebten, die nicht damit fertig wurden, dass sie eine kleine Familie mitgebracht hatten. Etliche kehrten mit ihren Kindern nach Norwegen zurück. Dort behaupteten dann manche Ärzte, die meisten Tyskerbarn seien geistig behindert – genauso wie ihre Mütter, schließlich müsse man verrückt sein, wenn man sich mit Deutschen einlasse. So waren die Kinder, die von der SS als „besonders wertvoll“ eingestuft worden waren, plötzlich gar nichts mehr wert. „Aus Plus-Kindern wurden Minus-Kinder“, sagt Kare Olsen. Viele wurden einfach in die Psychiatrie gesteckt. Vor ein paar Jahren entschuldigte sich Ministerpräsident Kjell Magne Bondevik für das, was den Tyskerbarn widerfahren ist. Das sei „ein dunkler Fleck in der Geschichte Norwegens“.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bekam Leila Strinaes etwas Luft. Sie zog nach Oslo. Dort spielte die junge Frau Handball und Fußball. Einmal hat sie sogar ein Fußball-Länderspiel gemacht. Es gibt ein Mannschaftsfoto. Leila ist Torfrau, denn sie konnte nicht so viel laufen wegen ihrer Hüfte. Leila kniet auf dem Foto vorne. Schwarz gekleidet. Sie ist mittendrin, einmal in ihrem Leben. Viele in Oslo wussten nicht, dass sie ein Tyskerbarn ist. Eines Tages erzählte sie es ihrer Handballtrainerin. Diese nahm Leila in die Arme und sagte: „Das bedeutet doch nichts.“

Nach sieben Jahren in Oslo ging sie zurück nach Trysil, weil ihre Tante krank geworden war. Leilas Mutter ist auch ein paar Mal vorbeigekommen. „Wegen ihrer Schwester“, sagt Leila Strinaes, „nicht wegen mir. Sie hat mir nie etwas geschenkt, nichts zum Geburtstag, nichts zur Konfirmation – ich habe nichts von ihr.“ Die Mutter ist mittlerweile tot, und ihren Vater hat Leila nie getroffen – aus Rücksicht auf die Tante und den Onkel in Trysil, die das nicht wollten. Gerhard M. starb 1967 in der Nähe von Bremen. In den neunziger Jahren hat Leila Strinaes das Grab ihres Vaters besucht. „Ich hätte ihn am liebsten ausgegraben und umarmt“, sagt sie. Es gab keinen Hass, immer nur Sehnsucht. „Wenn ich einen Deutschen im Fernsehen sah, habe ich immer gedacht, das könnte mein Vater sein.“

1990 hatte sie begonnen, nach ihren Wurzeln in Deutschland zu suchen – hinter dem Rücken der Tante. 1994 traf sie sich in Dänemark mit einem Stiefbruder, später auch mit anderen Verwandten. Wenn sie nach Deutschland fahren will, um ihre neue Familie zu besuchen, muss sie ein Jahr lang sparen. „Von der Invalidenpension kann ich kaum leben“, sagt Leila Strinaes. Aber sie telefonieren oft. Sie kann kein Deutsch und kein Englisch, die Deutschen können kein Norwegisch. „Wir rufen uns trotzdem an“, sagt sie, „das sind angenehme Leute.“ Sie zeigt einen Stammbaum der Familie M. in Deutschland. Ihr Name steht nicht mit drauf.

Aber endlich tut sie, was sie will. In den neunziger Jahren schloss sie sich dem Verein der Lebensborn-Kinder in Norwegen an. Sie verklagten den norwegischen Staat, weil er die Diskriminierung und Misshandlung der Tyskerbarn nicht unterbunden hat. Fast alle Lebensborn-Kinder sind Frührentner.

Alles verjährt?

Ausgrenzung führt zu psychischem Druck, führt zu psychosomatischen Störungen, führt zu Krankheit und Erwerbsunfähigkeit. Sieben Tyskerbarn, die besonders geschädigt sind, haben den Staat bereits verklagt, zwei weitere Gruppen mit 50 (darunter Leila Strinaes) und 65 Personen werden folgen. In den ersten zwei Instanzen wurden die Tyskerbarn abgewiesen. Die Gerichte argumentierten, dass Schadensersatzansprüche nach norwegischem Recht verjährt seien. Straftatbestände vor 1953 können nicht verfolgt werden, weil Norwegen erst 1953 der europäischen Menschenrechtskonvention beigetreten ist.

Die Tyskerbarn-Anwälte hingegen sagen, Entschädigungsansprüche auf dieser Basis würden nie verjähren. Außerdem habe die Diskriminierung 1953 nicht aufgehört, auch wenn die schlimmsten Fälle kurz nach dem Krieg geschehen sind. „Kein Jurist kann die Frage abschließend klären“, sagt Lars Borgersrud. Jetzt rufen die Tyskerbarn das Höchste Gericht in Norwegen an. Verlieren sie erneut, wollen sie vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ziehen. „Natürlich geht es auch um Schadensersatz“, sagt Leila Strinaes, „aber auch um die Wahrheit. Die Jungen müssen wissen, wie es gewesen ist.“

Im Herbst 2001 saß Leila im Gerichtsflur in Olso, als die Tyskerbarn- Sache verhandelt wurde. Ein alter Mann kam vorbei und brüllte sie an: „Ihr verdammten Deutschenkinder, ihr dürft gar nicht hier sein.“ Erst war sie traurig und weinte. „Es kam wieder das Gefühl hoch, dass ich wirklich nichts wert bin.“

Aber dann dachte sie, dass sie sich diesmal nicht unterkriegen lassen würde. „Ich habe doch nichts falsch gemacht“, sagt sie. „Ich bin nur geboren worden.“

Süddeutsche Zeitung, 26.09.02