Flensburger Tageblatt 6. Februar 2003
Belogen,
betrogen, versteckt: Das Kind, das es nicht geben durfte

Fast
60 Jahre alt musste Paul Stilling
werden, um die volle Wahrheit über seine Herkunft zu erfahren. Seinen richtigen
Vater konnte der Däne in diesem Alter zwar nicht mehr kennenlernen - dafür
tauchte aus dem Nichts ein Bruder auf. Es ist ein kleines Glück nach einem
langen Leiden unter dem Schicksal als Kriegskind. Jahrzehnte hat Stilling mit
Fragen, Zweifeln und quälender Ungewissheit verbracht.
Kopenhagen
Frank Jung
Paul Stilling sitzt mit seiner Frau beim Abendbrot, als
das Telefon klingelt. Schon wieder einer der Werber für Illustriertenabos, von
denen sich in letzter Zeit so viele gemeldet haben, glaubt der Möbel-Designer
aus dem dänischen Westküstenstädtchen Skjern. Genervt lässt der 58-Jährige
das Besteck fallen und nimmt ab. „Ich glaube, wir haben denselben
Vater“, sagt eine unbekannte Stimme. Stilling verschlägt es die Sprache. Ist
dies die Lösung eines lebenslangen Rätsels?
Ist dies das Ende der Suche nach seiner Herkunft? Einfach so aus heiterem
Himmel? Auf demselben Weg, wie einem ein Zeitungsabo angeboten wird? Und -
sozusagen nebenbei - fällt ihm auch noch ein Bruder
in den Schoß?
Was unfassbar klingt, ist wirklich wahr. Stilling erfährt
am Telefon: Er ist „Kriegskind", Abkömmling eines deutschen
Soldaten und einer Dänin, geboren im Zweiten Weltkrieg, als Dänemark von der
Wehrmacht besetzt war. Obwohl die Zahl der Nachkommen aus diesen Verhältnissen
auf bis zu 11000 geschätzt wird, galt ihr Schicksal nördlich der Grenze über
Jahrzehnte als Tabu. Berührt es doch gleich zwei Dinge, über die „man"
nicht sprach: Sex und das Paktieren mit der Besatzungsmacht.
„Frauen, die mit dem Feind im Bett gelegen hatten, waren
nach dem Krieg unten durch", sagt Arne Øland, Vorsitzender des dänischen
„Kriegskinder-Vereins". „Zeitzeugen schildern, wie diese Mütter nackt
durch die Straßen gejagt, bespuckt und kahl rasiert wurden", erklärt Øland.
„Man beschuldigte sie einer biologischen, besonders intensiven Form des
Landesverrats."
Nicht einmal diejenigen, die es als erste angeht, durften
etwas von diesem verdeckten Kapitel deutsch-dänischer Geschichte erfahren. Die
„Kriegskinder" blieben
ahnungslos. So schildert Paul
Stilling sein Leben als eine Biografie des Verschweigens und Vertuschens. Auch
wenn seine Mutter inzwischen geschwächt im Pflegeheim liegt, bekennt er: „Ich
verachte sie bis heute dafür, dass sie der Wahrheit immer davongelaufen ist."
Die ersten anderthalb Jahre ließ sie ihr „Deutschen"-Kind in einem
Kinderheim in Kopenhagen allein. Darauf wechselten sich bis ins Erwachsenenalter
Aufenthalte in Pflegefamilien und Internaten mit nur kurzen Zwischenspielen im
Haus der Mutter ab. Dabei war dort stets Platz für Stillings drei jüngere
Geschwister, die seine Mutter mit ihrem späteren dänischen Ehemann bekommen
hatte. „Nie war ich auch nur zwei Jahre am Stück zu Hause", klagt
Stilling. Er hält es für puren Zufall, dass er nicht, wie er es von anderen
Kriegskindern weiß, psychisch krank geworden ist, sondern sein geregeltes Leben
führte. Bevor er sich mit eigenen Möbelserien selbstständig machte, arbeitete
er bei einem französischen Einrichtungskonzern im internationalen Geschäft.
Dass er als Kind konsequent auf Abstand gehalten wurde, deutet der Unternehmer
heute so: Seine Mutter wollte durch ihn nicht an eine Episode erinnert werden,
die ihr 1942 als die große Liebe erschienen
war: die Begegnung mit dem Wehrmachtssoldaten Paul Schöer.
Die Bäckereiverkäuferin hatte den Deutschen in Varde bei Esbjerg kennengelernt.
Schöer war für die Versorgung der deutschen Truppen in der dortigen Kaserne
zuständig, hatte daher geschäftlich mit dem Bäckerladen zu tun.
Nichts davon ahnt der kleine Paul. Er wird in dem Glauben
gelassen, er besitze dieselbe Herkunft wie seine drei Geschwister. Schließlich
heißen sie doch auch alle gleich: Jønsson, nach dem Nachnamen des
Familienober-haupts.
Paul ist
schon 24 Jahre alt, als die Mauer der Lügen einen Riss bekommt. Damals heiratet
der für dumm Verkaufte und bekommt auf dem Standesamt erstmals seine
Geburtsurkunde zu Gesicht. Die offenbart, dass es sich bei Herrn Jønsson bloß
um seinen Adoptivvater handelt. Zudem um einen mit besonders schwachen Banden.
Er hat Paul nur seinen Nachnamen, sonst jedoch keinerlei Rechte übertragen.
Darauf kann der Stiefsohn dann auch verzichten: Sofort lässt der 24-Jährige Jønsson
aus seinen Papieren streichen und übernimmt den Geburtsnamen der Mutter:
Stilling. Doch obwohl er nun einen Teil der Wahrheit entdeckt hat - die Familie
verdrängt die Vergangenheit weiter. „Egal, ob ich meine Mutter oder ihre
beiden Schwestern nach meinem
richtigen Vater fragte - ich prallte an einer Mauer des Schweigens ab. Er ist
eben tot, behaupteten sie einfach." Damals lebte er noch.
War er die Folge einer Vergewaltigung? Selbst diesen
Gedanken kann Stilling lange nicht ausschließen. Dass die Spur seiner Herkunft
mit Wahrscheinlichkeit in die Besatzungszeit führt, lässt sich allenfalls
ahnen. Die Schreibweise des Vornamens gibt zu dieser Denkrichtung Anlass. Paul
mit -au- ist typisch deutsch - die dänische Variante wäre Povl oder Poul.
„Und auch, wenn nie offiziell über die Kriegskinder gesprochen wurde", fügt
Stilling hinzu, „so gab es doch hier und da ein zweideutiges Geraune, dass die
deutschen Soldaten während ihrer fünf Jahre in Dänemark nicht unter sich
geblieben waren."
Geraune über jene Zeit kommt auch in der Familie von
Gerhard Schöer in Kiel vor, der als Anrufer beim Abendbrot in Skjern ein halbes
Jahrhundert später alles aufklären kann. Vor allem eine stets verschlossene
Schublade mit offenbar geheimen Unterlagen aus der Vergangenheit des Vaters
leistet Gerüchten Vorschub. „Irgendetwas war da mit Papa im Krieg in Dänemark",
erinnert sich der heute 64-jährige Schöer an das Gerede seiner Verwandten.
Doch auch auf dieser Seite der Grenze gibt es auf Fragen keine Antworten. Schöers
Vater will an sein Leben mit Frau und vier Kindern, versüßt mit den soliden
Bezügen eines hohen Kieler Rathaus-Beamten, keinen Störfaktor heranlassen.
Selbst, als Schöer seinen Vater vor acht Jahren am Sterbebett fragt, ob er für
ihn in Dänemark noch irgendetwas klären solle, erhält er keine Reaktion.
Die Geschichte geht nur weiter, weil der Farben- und
Lackingenieur Gerhard Schöer aus beruflichen Gründen vor Jahrzehnten von
Deutschland nach Dänemark zieht. Heute lebt und arbeitet er in Vamdrup bei
Kolding. Dort bekommt er über die
Medien mit, dass sich die in Dänemark berühmte Schauspielerin Lotte Tarp Ende
der 90er-Jahre in ihren Memoiren als Kriegskind bekennt. Damit taucht das Thema
erstmals in der Öffentlichkeit auf – „und das machte mich wieder neugierig
auf die Geschichte meines Vaters",
schildert Schöer. Als er erfährt, dass der Lehrer Arne Øland im Zuge der
Lotte-Tarp-Diskussion einen Verein für Kriegskinder gegründet hat, nimmt
er sich vor, dort nachzufragen. Es dauert zwei Jahre, bis er sich dazu
durchringt, es tatsächlich zu tun. Aber dann: In dem Recherche-Material, das Øland
zusammengetragen hat, findet sich ein Hinweis auf Gerhard Schöers Vater Paul
Schöer - und die Nachricht, dass
er die Vaterschaft für ein 1942 in Varde gezeugtes Kind anerkannt hat, getauft
auf seinen eigenen Vornamen und den
Nachnamen der Mutter: Paul Stilling. Für andere eine nüchterne Aktennotiz - für
Gerhard Schöer eine Sensation: „Im
Großvater-Alter bekam ich plötzlich einen Bruder. Welch ein Wahnsinn. Und was
für ein Glück, dass ich es nicht mit einem Nielsen oder Hansen zu tun
hatte", sagt Schöer über die weitere
Suche. „Solche Namen gibt es in Dänemark schließlich wie Sand am Meer, und
ich hätte nicht gewusst, wo ich hätte recherchieren sollen." Doch die
Kombination aus Paul und Stilling ist so selten, das s die Telefonauskunft den
Kreis der „Verdächtigen" auf fünf einkreiste. Vier erwiesen sich als
die falschen - umso atemberaubender die Spannung vor dem letzten Anruf.
„Es hätte ja sein können, dass ich damit nur alte Wunden aufreiße",
unterstreicht Schöer. Nach Tagen des Zauderns siegt in ihm „eine natürliche
Neugier auf die Familie". Also greift er ein fünftes Mal zum Hörer
- und schenkt seinem Bruder damit eine Identität.
Stillings Frau und seine zwei Kinder haben Schöer
bescheinigt: „Seit er dich vor zwei Jahren kennen gelernt hat, ist er
verwandelt. Positiver, ruhiger." Fest steht für die späten Brüder zwar:
„Was wir in Jahrzehnten versäumt haben, können wir natürlich nie aufholen."
Riesig ist trotzdem für beide der Spaß, sich miteinander zu vergleichen. Sie
sind sich einig, dass Paul ihrem Ahnen viel ähnlicher sieht als Gerhard -
obwohl er doch stets von ihm getrennt lebte. „Selbst das Telefon hält er
genauso wie mein Vater", freut sich Schöer über sein neues
Familienmitglied. „Und sein berufliches Talent hat er auch von Vater" -
der hatte nämlich vor der Beamtenlauf-bahn eine Tischlerlehre gemacht. Stilling
freut sich, dass er jetzt den Farben- und Lack-Ingenieur in seinem Bruder um Rat
fragen kann, wenn er über die Oberflächen neuer Möbel nachdenkt. Als „Krönung"
erlebten es beide Brüder, an sich Parallelen zu entdecken: Beide haben in jüngeren
Jahren intensiv Handball gespielt und später Mannschaften trainiert. Für
dieses Jahr haben sie sich fest vorgenommen, gemeinsam ein Spiel zu besuchen.
„Am liebsten zum THW in die Kieler Ostseehalle, weil unser Vater doch Kieler
war", schlägt Paul Stilling vor. „Oder doch lieber zur SG
Flensburg-Handewitt in die Campushalle - wegen der vielen dänischen Spieler in
der der Mannschaft?", fragt Gerhard Schöer. Der Kompromiss lautet schließlich:
Sie machen beides.
„Der
Staat soll sich bei uns entschuldigen"
Nach den Akten des Kopenhagener Reichsarchivs sind während
der Besatzung Dänemarks im Zweiten Weltkrieg mindestens 5500 Kinder als
Nachwuchs eines Wehrmachtssoldaten und einer Dänin zur Welt gekommen. Der
Vorsitzende des dänischen „riegskinder-Vereins", der Lehrer Arne Øland
aus Fårup bei Randers, schätzt
die Zahl auf das Doppelte.
Grund: „Es ist historisch gesicherte Erkenntnis, dass
viele Däninnen behaupteten, Kinder von einem deutschen Soldaten seien von dänischen
Männern, - um nicht als Vaterlandsverräter dazustehen." Wer einen
Verdacht hatte, Kriegskind zu sein, bekam bis kurz vor der Jahrtausend-Wende bei
den Ämtern keine Auskunft. Anfragen wurden traditionell mit dem Hinweis
abgelehnt, Akten könnten nach dem Archivgesetz erst nach 80 Jahren eingesehen
werden. Als sich Øland darüber in einem Gastbeitrag für die Zeitung
„Jyllands-Posten" beklagte, kamen die Dinge plötzlich in Fahrt. Der
Gravensteiner Richter Jørgen Levinsen vertrat in einem Leserbrief die Ansicht,
dass die 80-Jahres-Regel für Kriegskinder nach dem dänischen
Rechtspflegegesetz nicht galt, wenn sie als persönlich Betroffene Akten
einsehen wollten. Nach einigem Hin und Her erhob der Reichsarchivar dies zur künftigen
Praxis. Nach norwegischem Vorbild fordert Øland jetzt eine Entschuldigung der dänischen
Regierung für die Verdunklung und Stigmatisierung der Kriegskinder-Schicksale.
Norwegens Ministerpräsident Kjell Magne Bondevik wartete mit dieser
symbolischen Versöhnungsgeste kurz vor Weihnachten auf. Øland glaubt: „Die
Norweger haben dazu wohl eher das nötige Selbstbewusstsein, weil sie im Krieg
gegen die Deutschen viel engagierter als die Dänen gekämpft haben."(fju)