
LEITARTIKEL
»Im Namen des norwegischen Staates bedauere ich die Diskriminierung und die
Ungerechtigkeiten, denen die Kriegskinder ausgesetzt waren«, erklärte in
seiner diesjährigen Neujahrsansprache der norwegische Ministerpräsident Kjell
Magne Bondevik von der Christlichen Volkspartei. Den Worten folgen nun auch
Taten, denn der Rechtsausschuss des norwegischen Stortings hat sich nicht nur
bei den rund 10.000 Kriegskindern, die eine norwegische Mutter und einen
deutschen Vater haben, entschuldigt, sondern der Regierung auch eine »angemessene
finanzielle Entschädigung« vorgeschlagen. In Oslo will man 60 Jahre nach
Kriegsende nicht mit Entschädigungszahlungen warten, sondern möchte den
Betroffenen schon jetzt einen Schadenersatz zahlen. In Norwegen ein heikles
Thema, versuchten die Nazis doch, mit der Einrichtung »Lebensborn« sogar »rassistisch
nützliche Menschen« zu züchten. Die Reaktion nach der Befreiung war umso
heftiger. Viele der Besatzungskinder wurden einfach von ihren Müttern getrennt,
und Deutschenkinder, die in Deutschland aufgewachsen sind, verweigerte man später
sogar ihren letzten Wunsch, wenigstens in ihrer norwegischen Heimat beerdigt
werden zu dürfen.
Die positive Veränderung in Norwegen macht sich nun auch in Dänemark bemerkbar.
Was als verzweifelter Einzelkampf des aus Kopenhagen stammenden Lehrers, selbst
betroffenen Arne Øland, Fårup, begann, der 1966 den Verein »Danske Krigsbørns
Forening« (DKBF) gründete, findet inzwischen breitere Unterstützung. Man kann
heute mehr oder weniger offen über das Thema reden. Das dunkle Kapitel der
Besatzungszeit umfasst – laut Geschichtsforschung – offiziell 5.579
Personen, die in Dänemark einen biologisch deutschen Vater registriert haben.
Der Verein der so genannten »Deutschenkinder« rechnet aber damit, dass die
wahre Zahl eher bei 10.000-12.000 liegt, und viele dieser Kinder, inzwischen um
die 60, fordern Klarheit über ihre eigene Herkunft. In Dänemark bekannte sich
die bekannte Schauspielerin Lotte Tarp (ebenso wie in Norwegen die ABBA-Sängerin
Annifried Lyngstad!) zu ihrem deutschen Vater, aber bis vor kurzem rannte der
Kriegskinder-Verein dennoch stets mit dem Kopf gegen die Wand der dänischen Behörden.
Es war der frühere Gravensteiner Richter Jørgen W. Levinsen, der 1997 nach
einem Artikel von Kriegskind Øland in »JyllandsPosten« den entscheidenden
Hinweis lieferte, wie die Mauer des Schweigens der dänischen Justiz
durchbrochen werden konnte. Seitdem gibt es eine Dispensation für die
bestehende 80-Jahre-Regel, wenn es sich nun um die Auskunft von Vätern
deutscher Kriegskinder handelt. Obwohl seit 1937 jedem Kind in Dänemark das
Wissen über die Identität des Vaters zusteht!
Während die deutschen Norweger-Kinder Entschädigung in Millionenhöhe
forderten, denken die deutschen Kriegskinder in Dänemark nach den Worten von
Arne Øland nicht an eine Klage gegen den dänischen Staat. Er fordert aber eine
Entschuldigung des dänischen Staates, und nach der norwegischen Entscheidung
scheint nun auch die dänische Politik endlich aufzuwachen. Die Vorsitzende des
Rechtsausschusses im Folketing, die SF-Abgeordnete Anne Baastrup, will das
Justizministerium um Aufklärung bitten, eine Entschuldigung ist möglich, ja
gegebenenfalls sogar eine Entschädigung, sagte die Politikerin gestern dem
Nordschleswiger. Welch ein Tag für viele Menschen, wenn endlich das auch vom
Staat an den deutschen Kriegskindern in Dänemark begangene Unrecht »aus der
Welt geräumt werden könnte«! Aber wer hat in diesem Lande die »Größe« zu
dieser längst fälligen Geste?
dm.