Dienstag 26. November 2002

LEITARTIKEL

Geste und Größe

»Im Namen des norwegischen Staates bedauere ich die Diskriminierung und die Ungerechtigkeiten, denen die Kriegskinder ausgesetzt waren«, erklärte in seiner diesjährigen Neujahrsansprache der norwegische Ministerpräsident Kjell Magne Bondevik von der Christlichen Volkspartei. Den Worten folgen nun auch Taten, denn der Rechtsausschuss des norwegischen Stortings hat sich nicht nur bei den rund 10.000 Kriegskindern, die eine norwegische Mutter und einen deutschen Vater haben, entschuldigt, sondern der Regierung auch eine »angemessene finanzielle Entschädigung« vorgeschlagen. In Oslo will man 60 Jahre nach Kriegsende nicht mit Entschädigungszahlungen warten, sondern möchte den Betroffenen schon jetzt einen Schadenersatz zahlen. In Norwegen ein heikles Thema, versuchten die Nazis doch, mit der Einrichtung »Lebensborn« sogar »rassistisch nützliche Menschen« zu züchten. Die Reaktion nach der Befreiung war umso heftiger. Viele der Besatzungskinder wurden einfach von ihren Müttern getrennt, und Deutschenkinder, die in Deutschland aufgewachsen sind, verweigerte man später sogar ihren letzten Wunsch, wenigstens in ihrer norwegischen Heimat beerdigt werden zu dürfen.

Die positive Veränderung in Norwegen macht sich nun auch in Dänemark bemerkbar. Was als verzweifelter Einzelkampf des aus Kopenhagen stammenden Lehrers, selbst betroffenen Arne Øland, Fårup, begann, der 1966 den Verein »Danske Krigsbørns Forening« (DKBF) gründete, findet inzwischen breitere Unterstützung. Man kann heute mehr oder weniger offen über das Thema reden. Das dunkle Kapitel der Besatzungszeit umfasst – laut Geschichtsforschung – offiziell 5.579 Personen, die in Dänemark einen biologisch deutschen Vater registriert haben. Der Verein der so genannten »Deutschenkinder« rechnet aber damit, dass die wahre Zahl eher bei 10.000-12.000 liegt, und viele dieser Kinder, inzwischen um die 60, fordern Klarheit über ihre eigene Herkunft. In Dänemark bekannte sich die bekannte Schauspielerin Lotte Tarp (ebenso wie in Norwegen die ABBA-Sängerin Annifried Lyngstad!) zu ihrem deutschen Vater, aber bis vor kurzem rannte der Kriegskinder-Verein dennoch stets mit dem Kopf gegen die Wand der dänischen Behörden. Es war der frühere Gravensteiner Richter Jørgen W. Levinsen, der 1997 nach einem Artikel von Kriegskind Øland in »JyllandsPosten« den entscheidenden Hinweis lieferte, wie die Mauer des Schweigens der dänischen Justiz durchbrochen werden konnte. Seitdem gibt es eine Dispensation für die bestehende 80-Jahre-Regel, wenn es sich nun um die Auskunft von Vätern deutscher Kriegskinder handelt. Obwohl seit 1937 jedem Kind in Dänemark das Wissen über die Identität des Vaters zusteht!

Während die deutschen Norweger-Kinder Entschädigung in Millionenhöhe forderten, denken die deutschen Kriegskinder in Dänemark nach den Worten von Arne Øland nicht an eine Klage gegen den dänischen Staat. Er fordert aber eine Entschuldigung des dänischen Staates, und nach der norwegischen Entscheidung scheint nun auch die dänische Politik endlich aufzuwachen. Die Vorsitzende des Rechtsausschusses im Folketing, die SF-Abgeordnete Anne Baastrup, will das Justizministerium um Aufklärung bitten, eine Entschuldigung ist möglich, ja gegebenenfalls sogar eine Entschädigung, sagte die Politikerin gestern dem Nordschleswiger. Welch ein Tag für viele Menschen, wenn endlich das auch vom Staat an den deutschen Kriegskindern in Dänemark begangene Unrecht »aus der Welt geräumt werden könnte«! Aber wer hat in diesem Lande die »Größe« zu dieser längst fälligen Geste?

dm.