„Ich bin ein Unfall des Krieges“

Auch die Sieger waren grausam

Von Christoph Nesshöver, Handelsblatt

Erstmals beleuchtet ein Buch das Schicksal deutscher Kriegskinder in Frankreich.

 

 

 

 

 

PARIS. Der Gemeindedirektor hievte den kleinen, blonden Jungen auf eine Stufe, damit ihn alle sehen konnten, und sagte: „Was ist der Unterschied zwischen einem Deutschen und einer Schwalbe? Wenn eine Schwalbe in Frankreich Junge zeugt, nimmt sie sie mit, wenn sie geht. Der Deutsche lässt sie hier.“ Die Sonntagsmesse im Örtchen Mégrit in der Bretagne war gerade vorbei, irgendwann Anfang der fünfziger Jahre. Das ganze Dorf hörte mit.

Auch Sieger waren grausam. Der kleine Daniel Rouxel, den der Dorfbeamte verspottete, ist der Sohn des Wehrmachtssoldaten Otto Daniel Ammon und der Französin Léa Rou-xel – eines von 200 000 Kindern, die deutsche Soldaten während der Besatzung Frankreichs von 1940 bis 1944 zeugten. „Ich bin ein Unfall des Krieges“, sagt der 61-jährige Rouxel heute. Sein Schicksal ist eines von 13 deutscher Kriegskinder in Frankreich, die der Journalist Jean-Paul Picaper und Ludwig Norz, Mitarbeiter des Wehrmachtsarchivs in Berlin, in ihrem bewegenden Buch „Enfants Maudits“ (Verfluchte Kinder) zusammengetragen haben.

Das Buch, das bald auch ins Deutsche übersetzt werden soll, bricht mit einem Tabu französischer Vergangenheitsbewältigung. Nach dem Sieg über die Nazis, der mit der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 begann, die sich am Sonntag zum 60. Mal jährt, rächte sich das befreite Frankreich an den „horizontalen Kollaborateurinnen“: Sie wurden nackt durchs Dorf getrieben, ihnen wurde der Kopf rasiert, und manche wurden gelyncht.

Neu ist: Picaper und Norz zeigen, dass die Ausgrenzung oft auch in der zweiten Generation weiterging. Wegen des sozialen Drucks gaben viele Mütter ihre Kinder bei Verwandten oder Pflegefamilien in Obhut. Daniel Rouxel wurde von seiner Großmutter aufgezogen: Schläge und Nächte im Hühnerstall waren dort an der Tagesordnung. Im Dorf war der „Zoo Rouxel“ eine Attraktion: „Sie wollten sehen, ob ich war wie andere oder eher wie ein Marsianer“, erinnert sich Rouxel.

 

Zur Erniedrigung kam für viele Kriegskinder mit dem Älterwerden der starke Wunsch, den eigenen Vater endlich kennen zu lernen. Oft folgte dann die nächste Enttäuschung: Er blieb unauffindbar, weil nur ein Vorname von ihm geblieben war. Andere verweigerten den Kontakt, weil sie daheim die geordneten Verhältnisse nicht gefährden wollten. Von wieder anderen war nur noch das Grab geblieben. Daniel Rouxel hatte Glück: Als er fünf war, spürte ihn die Familie seines im Krieg gefallenen Vaters auf. So besucht er sie immer wieder in Unterweissach bei Stuttgart.

Die Siegermacht Frankreich hat sich erst spät der eigenen Verstrickung in die Unbill des Zweiten Weltkriegs gestellt. 1997 entschuldigte sich Präsident Jacques Chirac für die Teilnahme von Franzosen am Massenmord an den Juden. Der Prozess gegen den ehemaligen Polizeichef von Bordeaux, Maurice Papon, wegen Teilnahme an Deportationen unter dem Vichy-Regime, brach das Tabu, dass Franzosen nur Opfer gewesen seien – sie waren auch Täter. Jahrelang hatte Frankreichs Establishment Papon gedeckt. Dass der Krieg vielfach auch jene ein Leben lang bestrafte, die ihm ihr Leben verdanken, zeigen Picaper und Norz eindrucksvoll mit ihrem Buch. Damit öffnen sie ein schwieriges, aber wichtiges Kapitel in der deutsch-französischen Nachkriegsgeschichte.

HANDELSBLATT, Freitag, 04. Juni 2004